Adonis

Für Marwan
Ein Aufleuchten im Körper der Materie

Etwas, das unentwegt in der Steppe des Nichts wandert,
eine Weite, in der nichts außer dem Anwesenden leuchtet,
eine dem Äther gleiche Materie, geschmiedet zu einem Geflecht von
Lichtzellen, die im Maschenwerk der Farben baden, wo das Licht ?zerfällt und sich verstreut, um sich aufs neue anzuordnen, als wäre es ein Gewebe aus Nebelflächen, von den Strahlen einer geheimnisvollen Sonne durchzogen.
Des Sufis Gift erschüttert die Materie, indessen ist es lediglich ein Elexier,
das ihr auf eine andere Weise Leben einhaucht,
Ein Firmament, doch ist es in Wirklichkeit eine zweite Haut für die Erde,
in einem Licht, das zugleich Farbe ist; eine Farbe, die nahezu Form ist; oder auch die verborgene Hand, die die Form malt:

Dies alles empfinde ich, sehe ich, in einer Flut von Widersprüchen, wenn ich Marwans Bilder betrachte.

Fürwahr, mir scheint, als wolle Marwan die Existenz in ihre erste irdische Schöpfungsform und das Leben in seinen ersten embryonalen Pulsschlag zurückführen. Oder wie jemand, der die Farbe schütteln und rütteln will, bis er sie in Wesen verwandelt, deren Schatten ausschließlich zu sehen sind.

In all diesem und dem, was dahinter liegt,
kommt es mir, mir dem Betrachter seiner Bilder, vor, als spiegelte ?ich mich darin. Ich lasse meinen Blick auf und ab wandern in jene ?vollkommene Abgeschlossenheit, die sich unermüdlich formt und ?in Bilder der Unendlichkeit verändert;
in jene von Wolken umhüllten Gesichter, als wären sie Lichtkörper, von der Dunkelheit der Elemente umgeben, die sie jedoch nicht zu ?verdecken vermögen;
in Quellen, deren Wasserlauf Wunden ähnliche Furchen in des Bodens Fläche reißt;
in einem Nebel, der sich wie ein durchsichtiger Schleier auf die ?Erde legt;
als stünde ich einer Kraft gegenüber, die unaufhörlich eine Welt erzeugt, die im gleichen Augenblick sich auflöst und bildet;
die existenzielle Wirklichkeit löst sie auf
und der Metapher Kunst bildet sie.

Und so,
zwischen einem Licht, das die Dunkelheit überwältigt und in sie ?eindringt, bis er sie nahezu auslöscht und sie, sowie alles andere um sie, dominiert;
und einer Dunkelheit, die in Licht schwimmt, bis sie sich beinahe aus dem Bild ergießt und alles, was sie umgibt, überflutet;
bewegen sich stetig die Formen und verharren in einer Bewegung des
Überschwanges, wie ein Aufleuchten im Körper der Materie,

als wohnte das Bild dem Bild nicht inne,
als wäre es ein Bündel energiegeladener Strahlen, die in der vom Blick eingefangenen Weite wogen,
als wäre das Sichtbare genau das, was wir nicht sehen.

Adonis
Paris, Januar 2001

aus dem Arabischen von Magda Barakat

http://marwan-art.com/files/gimgs/27_2004116x89adonis.jpg
Marwan – Portrait Adonis
Marwan – Portrait Adonis